Studieren mit Stars

von Kristina Neumann

 
Universitäre Seminare haben einen schlechten Ruf. Dröge und zäh schleppen sich die Sitzungen dahin, ein gelangweilter Dozent trägt den seit Jahren gleichen Stoff vor, während die Studenten sich auf ihrem Stuhl zurücklehnen und die Zeit absitzen. „Für die Journalisten-Ausbildung ist so etwas nicht geeignet“, heißt es immer wieder von Kritikern – zu Recht.

 
Praxisnähe ist in allen Fachbereichen Mangelware. In der Journalistik mit der Konsequenz, dass die Ausbildung an Journalistenschulen als weitaus effizienter eingestuft wird. Dass aber auch an der Universität eine leidenschaftliche und berufsvorbereitende praktische Ausbildung stattfinden kann, bewiesen Bernhard Pörksen, Juniorprofessor an der Universität Hamburg, und Jens Bergmann, Redakteur beim Wirtschaftsmagazin Brand Eins. In ihrem Projektseminar „Medienmenschen“ gaben sie 25 Journalistikstudenten unseres Instituts die Chance, in Interviews mit medienerfahrenen Stars aus Politik, Wirtschaft, Showbusiness, Wissenschaft und Sport Journalismus am lebenden Subjekt zu trainieren und unser Talent zu beweisen.

 
Ein Semester lang, inklusive der Semesterferien, dauerte die intensive Vorbereitung auf unser gemeinsames Ziel: ein Interviewbuch zu veröffentlichen. Zum Seminaralltag gehörten problemorientiertes Interviewtraining und theoretische Untermauerung des Gesprächsthemas, um das es in allen Interviews gehen sollte: ‚Wie wird in den Medien Wirklichkeit inszeniert?’. Dazu kam die gezielte Recherche über die jeweiligen Interviewpartner, für die uns Zugang zum Spiegel Online-Archiv gewährt wurde. So konnten wir uns einen Überblick über die Medienchronik unserer Gesprächspartner verschaffen – unerlässlich, wenn man Stars ins Kartenspiel der medialen Selbstinszenierung schauen will.

 
Den ganzen Sommer lang haben wir in Zweierteams in ganz Deutschland und sogar im europäischen Ausland Gespräche mit alten Hasen und jungen Hüpfern des Medienzirkus geführt, darunter der ehemalige Außenminister Joschka Fischer, Verona Pooth (ehemals Feldbusch) und Günter Netzer. Dann hieß es, die Gespräche in druckfähige Schriftfassungen zu verwandeln. Das Ergebnis waren 30 aufschlussreiche und spannende Interviews. Der bereits vor Beginn des Seminars von den Dozenten ins Boot geholte Verleger war begeistert und gab das Buch in den Druck – ein toller Moment, als wir endlich unser Werk in den Händen halten konnten!

 
Die Arbeit war an diesem Punkt jedoch noch nicht vorbei. Im zweiten Semester des Seminars war es unsere Aufgabe, das Buch erfolgreich in den Markt zu begleiten. Das wiederum bedeutete PR-Arbeit unter realistischen Verhältnissen: Wie schafft man es, dass über das Buch berichtet wird? Und wie viel Eigeninitiative ist dabei erlaubt? Die Grätsche zwischen professioneller Objektivität und Begeisterung für das eigene Projekt trug dazu bei, uns für die berufsethischen Konflikte eines Journalisten zu sensibilisieren.

 
Auch ohne dabei gegen das eigene Gewissen zu handeln, schafften wir es, ein beachtliches Medienecho zu erzeugen: Rezensionen, Berichte, Fernsehauftritte… auf einmal waren wir selbst Gegenstand der Berichterstattung. Diese andere Seite kennen zu lernen war sicher ein ganz besonderer Nebeneffekt dieses ganz besonderen Seminars.

 
Das Projekt „Medienmenschen“ war bereits das zweite Projekt dieser Art von Bernhard Pörksen und Jens Bergmann – und hoffentlich auch nicht das letzte. Bereits mit dem Interviewband „Trendbuch Journalismus“, einer Bestandsaufnahme der Berufssituation von jungen Journalisten in Zeiten der Medienkrise, bewiesen sie, dass Studenten zu produktiver Arbeit fähig sind - und universitäre Seminare nicht immer gleich aussehen müssen.

 
Zur Realisierung des Seminars, an dessen Ende das Buch „Medienmenschen. Wie man Wirklichkeit inszeniert“ (Solibro Verlag) stand, wurde eine große Summe an öffentlichen Stiftungsgeldern eingeworben, ohne die ein solches Projekt kaum möglich gewesen wäre. Reise- und Materialkosten überstiegen deutlich das Budget eines üblichen Seminars. Gute Ausbildung ist eben teuer – aber sie lohnt sich. Wir Projektteilnehmer zumindest glauben, nun wesentlich besser auf unser künftiges Berufsleben vorbereitet zu sein.

 

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